Galileo Satelliten-Navigation: Start von Entwicklung zur Aufbauphase

Geschätzte Lesedauer: 3 Minuten

Das europäische Satellitennavigations-System Galileo hat einen weiteren Meilenstein erreicht: An Bord einer russischen Sojuz-Rakete sind am 22. August 2014 um 14:27 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ, 09:27 Uhr Ortszeit) "Milena" und "Doresa", der fünfte und sechste von insgesamt 30 Satelliten, vom europäischen Raumfahrtzentrum in Kourou (Französisch-Guyana) gestartet.

Es sind die beiden ersten Galileo-Satelliten der so genannten Aufbauphase. Seit 2011 und 2012 sind bereits vier Satelliten für die so genannte In-Orbit-Validierung des Systems im All. Gegen 18:15 Uhr MESZ wurden die beiden vom deutschen Raumfahrtunternehmen OHB in Bremen gebauten Navigationssatelliten dann in ihrem Zielorbit – der mittleren Erdumlaufbahn in rund 23.500 Kilometern Höhe – ausgesetzt, und gaben kurz darauf planmäßig die ersten "Lebenszeichen" im Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA (ESOC) in Darmstadt, wo in den nächsten Tagen die ersten Funktionstests durchgeführt werden.

Entwicklung von Galileo nun abgeschlossen

Deutschland ist neben dem Bau der Satelliten auch Standort von einem der beiden Galileo-Kontrollzentren. Dieses befindet sich beim DLR in Oberpfaffenhofen. "Deutschland und Italien führen zudem zusammen die Galileo-Betreibergesellschaft Space Opal", ergänzt René Kleeßen, Galileo-Programm-Manager beim Raumfahrtmanagement des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das DLR Raumfahrtmanagement ist außerdem für den Aufbau der deutschlandweiten Galileo-Testgebiete, der GATEs, verantwortlich. Zusammen mit Geoinformationen und Telekommunikation kann Galileo vielseitig eingesetzt werden – vom autonomen Fahren im Straßenverkehr bis hin zur Überwachung von Fischbeständen oder bei Such- und Rettungsdiensten.

Mit dem Start der beiden ersten OHB-Satelliten ist formal die Entwicklungsphase von Galileo abgeschlossen: Zur sogenannten In-Orbit-Validierung zählten die ersten vier Satelliten, die von Airbus Defense and Space gebaut und im Oktober 2011 und Oktober 2012 gestartet worden sind. Im März 2013 konnte mit diesen vier Satelliten die erste Position mit Galileo-Signalen ermittelt werden.

- Anzeige -

Galileo besser als GPS – Bald weltweit vier Navigationssysteme

Für die nun beginnende Aufbauphase (FOC, Full Operational Capability) hat die Europäischen Kommission insgesamt 22 Satelliten bei OHB in Bremen bestellt. Die nächsten beiden FOC-Satelliten sollen Ende 2014 folgen. Ursprünglich hatte Galileo schon 2008 voll funktionieren sollen. Aber wie bei großen und komplexen Raumfahrtprogrammen nicht unüblich, habe es Verzögerungen gegeben. Im Vergleich zum amerikanischen GPS-System müsse man 20 Jahre Mehr an Erfahrung erstmal aufholen, sagt DLR-Programmmanager Kleeßen. Zusammen mit dem GPS, dem russischen GLONASS und dem ebenfalls im Aufbau befindlichen chinesischen Beidou werden in einigen Jahren weltweit vier Satellitennavigationssysteme existieren.

"Die Physik ist überall gleich – sprich alle Satelliten arbeiten mit ähnlicher Technik, zum Beispiel mit hochpräzisen Atomuhren. Galileo steht aber im Gegensatz zu GPS, GLONASS und Beidou unter ziviler Kontrolle", erklärt Luft- und Raumfahrtingenieur Kleeßen. Galileo soll insgesamt vier Dienste anbieten: Einen offenen Dienst mit einer Genauigkeit von etwa vier Metern – zum Vergleich: GPS hat hier nur eine Auflösung von etwa zehn Metern; einen kommerziellen Dienst mit höherer Genauigkeit von bis zu einem Meter, einen Dienst mit verschlüsselten Signalen für autorisierte Nutzer, vor allem Behörden, und einen Such- und Rettungsdienst. DLR-Programm-Manager Kleeßen: "Die gemessenen Leistungswerte von Galileo sind besser als bei GPS, die besondere Herausforderung ist aber die Robustheit des Systems."

Erste Dienste 2015, 40 Mio. Euro pro Satellit

Die ersten Dienste sollen Anfang 2015 nutzbar sein und bis 2020 vollständig aufgebaut sein. Die Gesamtkosten für die Entwicklung und den Aufbau von Galileo liegen bei zirka sechs Milliarden Euro. Zusätzlich sind für Betrieb und Weiterentwicklung des Systems und des europäischen GPS-Ergänzungssystems EGNOS (European Geostationary Navigation Overlay System) weitere rund sieben Milliarden Euro für den Zeitraum 2014 bis 2020 im Haushalt der Europäischen Union eingestellt.

"Deutschland ist mit rund 20 Prozent an Galileo beteiligt", erklärt René Kleeßen. "Wir vertreten die deutschen Interessen bei Galileo im ESA-Programmrat Navigation und beraten das Bundesverkehrsministerium im europäischen GNSS (Global Navigation Satellite System)-Ausschuss gegenüber der Europäischen Kommission". Die Europäische Kommission ist Auftraggeber für das Navigationsprogramm, die europäische Weltraumagentur ESA verhandelt in ihrem Auftrag die Industrieverträge.

Die jetzt gestarteten ersten FOC-Satelliten kosten jeweils rund 40 Millionen Euro. Neben der OHB System AG als Hauptauftragnehmer der ESA sind acht weitere deutsche Firmen beteiligt.